Interview
„Ein großartiges europäisches Zukunftsprojekt mit nachhaltiger Wirkung.“
Sieben Fragen zum Powerprojekt „Zirkuläre Spiele“ an Dr. Susanne Kadner, Co-Founder CIRCULAR REPUBLIC – UnternehmerTUM
1. Worum geht es bei dem Powerprojekt in wenigen Sätzen?
Sydney hat 2000 die ersten “Green Games” geprägt. Paris 2024 hat das Thema Nachhaltigkeit weiterentwickelt und auf CO₂-Reduktion und Ressourcenschonung gesetzt. München geht den nächsten logischen Schritt: Wir wollen die ersten konsequent zirkulären Olympischen und Paralympischen Spiele der Welt ausrichten – als erste Gastgeberstadt mit einer umfassenden Green und Circular-City-Strategie. Das Besondere an unserem Ansatz: Zirkularität steht hier als Prinzip und Motor für eine Stadtentwicklung, die Materialien und Rohstoffe im Kreislauf hält und München dauerhaft lebenswerter macht.
2. Welches Problem wird damit gelöst?
Europa steht vor der Herausforderung, mit knapper werdenden Ressourcen, steigenden Materialkosten und geopolitischen Abhängigkeiten bei Lieferketten umzugehen. Gleichzeitig müssen wir unsere Städte an den Klimawandel anpassen und wirtschaftlich wettbewerbsfähig bleiben. Dafür braucht es einen grundlegenden Wandel – weg von einer linearen Wirtschaft, bei der Rohstoffe genutzt und anschließend entsorgt werden, hin zu einer echten Kreislaufwirtschaft. Das betrifft Stadtplanung, Bauen, Infrastruktur, Beschaffung und regionale Wertschöpfung gleichermaßen. Aktuell verbraucht München jährlich 47 Millionen Tonnen Rohmaterialien – das entspricht 32 Tonnen pro Einwohner*in, das Vierfache dessen, was wissenschaftlich als nachhaltig gilt. Davon entfallen 50 Prozent allein auf Bauwesen und Infrastruktur. Genau hier setzt unser Powerprojekt an: Olympia wird zum Beschleuniger für diesen notwendigen Wandel – und macht ihn für die Menschen sichtbar und erlebbar.
3. Warum eignen sich gerade Olympische und Paralympische Spiele als Katalysator, um diese Themen voranzubringen?
Olympische Spiele haben schon mehrfach gezeigt, dass sie Innovationen beschleunigen können. Sydney 2000 war die erste Bewerbung, die Nachhaltigkeit als explizites Leitprinzip verankert hat – und damit einen neuen Standard für alle folgenden Spiele gesetzt hat. München möchte diesen Gedanken auf die nächste Stufe heben: Nicht einzelne Umweltmaßnahmen stehen im Mittelpunkt, sondern der gesamte Lebenszyklus eines Projekts – von der Planung über Bau und Betrieb bis hin zur Nachnutzung. Damit könnten die Spiele weltweit zum Referenzprojekt für zirkuläre Stadtentwicklung werden.
4. Welchen konkreten Nutzen hätten die Menschen?
Der direkteste Nutzen für die Menschen in München: Die Spiele hinterlassen etwas für den Alltag der Menschen. Ein neues Wohnquartier in der Nachnutzung des Olympischen Dorfes, das von Anfang an für die Stadt geplant wird und dabei auch Materialien aus früheren Bauprojekten wiederverwendet. Modernisierte Sportanlagen und öffentliche Räume, die ressourcenschonend dauerhaft genutzt werden. Mehr Grün und klimaangepasste Aufenthaltsbereiche. Diese Investitionen sollen den Münchner Alltag über Jahrzehnte prägen. Dabei ist Zirkularität kein Selbstzweck. Sondern sie sorgt dafür, dass dauerhafte Nutzung und Weiterentwicklung von Anfang an mitgedacht werden.
5. Warum kann gerade die Münchner Olympiabewerbung das Projekt entscheidend voranbringen? Warum ist München besonders geeignet dafür?
München zählt zu den innovativsten Städten Europas – und das ist beim Thema Kreislaufwirtschaft besonders spürbar: Knapp ein Drittel aller deutschen so genannten Circular Economy Startups hat hier seinen Sitz. Mit Circular Republic von UnternehmerTUM, Europas größtem Zentrum für Entrepreneurship und Innovation, mit den etablierten und jungen Unternehmen, den führenden Forschungsverbünden der TU München und der ambitionierten Kreislaufwirtschaftsstrategie der Landeshauptstadt sind hier Kompetenzen gebündelt, wie kaum an einem anderen Standort. München bringt Wirtschaft, Forschung, Verwaltung und Startups zusammen – und kann dadurch zeigen, wie Kreislaufwirtschaft in der Realität funktioniert.
6. Wie können andere Städte in Deutschland und Europa oder auch zukünftige Austragungsorte davon profitieren?
Unser Anspruch ist nicht nur, ein erfolgreiches Konzept für München zu entwickeln. Wir wollen zeigen, wie nachhaltige Beschaffung, Materialpässe, die dokumentieren, welche Baustoffe später wiederverwendet werden können, und Zero-Waste-Konzepte zusammen im großen Maßstab funktionieren und mit Maßnahmen für ein grüneres und klimaangepasstes München kombiniert werden. Dies schafft eine Erfahrungsbasis, die andere Städte und Regionen oder zukünftige Olympiabewerbungen direkt aufgreifen können. Die Münchner Bewerbung soll damit zu einer Blaupause für nachhaltige Stadtentwicklung und zukünftige Großveranstaltungen in ganz Europa werden.
7. Wenn wir in 20 Jahren - 2046 - auf die Spiele zurückblicken: Woran würden Sie erkennen, dass das Projekt erfolgreich war?
Olympische Spiele haben in der Vergangenheit anschaulich gezeigt, dass sie die Stadtentwicklung beschleunigen können. Genau das wünsche ich mir auch für München – aber zusätzlich mit einem messbaren Kern. Erfolg wäre für mich daher, wenn das Olympische Dorf 10 Jahre nach den Spielen noch intensiv genutzt wird, die Materialpässe, die beim Bau entstanden sind, noch verwendet werden und wir in einer sichtbar grüneren, ressourcenschonenderen Stadt leben – mit einem Materialverbrauch, der sich nachweislich trotz der Rolle als Wirtschaftsmetropole in Richtung des europäischen Durchschnitts bewegt. Nicht wegen Olympia allein, aber mit Olympia als Beschleuniger. Wenn andere Städte und zukünftige Ausrichter auf Münchens Erfahrungen aufbauen, weil wir unsere Lösungen und Erkenntnisse offen geteilt haben, dann wäre aus dieser Bewerbung weit mehr entstanden als ein Sportgroßereignis: ein großartiges europäisches Zukunftsprojekt mit nachhaltiger Wirkung.