Interview
„Aus einer Modellregion in München können übertragbare Blaupausen für ganz Deutschland entstehen.“
Sieben Fragen zum Powerprojekt „Autonomes Fahren“ an Oliver May-Beckmann, Geschäftsführer MCube – Munich Cluster for the Future of Mobility in Metropolitan Regions.
1. Worum geht es bei dem Powerprojekt in wenigen Sätzen?
Die Powerprojekte nutzen die Olympischen und Paralympischen Spiele als Beschleuniger für Entwicklungen, die München und Deutschland langfristig voranbringen. Beim autonomen Fahren geht es darum, die nächste Generation des öffentlichen Verkehrs in den Alltag zu bringen: mit autonomen Großbussen auf regulären Linien, kleineren Shuttles für die erste und letzte Meile sowie flexiblen Angeboten für Zeiten und Orte, an denen der öffentliche Verkehr heute nur eingeschränkt verfügbar ist.
Bis zu den Spielen soll daraus ein integriertes System entstehen, das im großen Maßstab zeigt, was möglich ist. München könnte damit zum europäischen Schaufenster für autonome Mobilität werden – nicht als Insellösung, sondern als nachhaltiges und komfortables Angebot für Menschen in der Stadt und im ländlichen Raum.
2. Welches Problem wird damit gelöst?
Beim autonomen Fahren wird häufig zuerst über das Fahrzeug gesprochen: Kann ein Bus wirklich ohne Fahrer*in unterwegs sein? Die wichtigere Frage lautet jedoch: Kann autonomes Fahren unser Mobilitätssystem besser machen? Gerade im öffentlichen Verkehr sind die Herausforderungen groß. Es fehlen Fahrer*innen, im ländlichen Raum werden Verbindungen ausgedünnt und in den Städten stoßen dichtere Takte personell und finanziell an Grenzen. Autonome Fahrzeuge können hier neue Angebote ermöglichen: kleinere Shuttles, die abends oder auf wenig nachgefragten Strecken flexibel Lücken schließen, Zubringer zur nächsten Bahnstation oder autonome Großbusse für einen dichteren und verlässlicheren Takt. Es geht also nicht um den fahrerlosen Bus als Selbstzweck. Es geht um mehr und besseren öffentlichen Verkehr für mehr Menschen.
3. Warum eignen sich gerade Olympische und Paralympische Spiele als Katalysator, um diese Themen voranzubringen?
Olympische und Paralympische Spiele entwickeln eine besondere Kraft: Es entsteht ein gemeinsames Ziel mit einem verbindlichen Termin. Paris hat gezeigt, wie dadurch wichtige Infrastruktur- und Mobilitätsprojekte für eine ganze Region deutlich beschleunigt werden können – teilweise um viele Jahre. Wenn die Welt zu Gast ist, muss Mobilität zuverlässig, sicher, barrierefrei und auch bei sehr hoher Nachfrage funktionieren. Das ist ein großer Stresstest, zugleich aber ein ideales Umfeld, um Innovationen unter realen Bedingungen voranzubringen. München könnte zeigen, wie autonome Großbusse und kleinere Shuttles mit U- und S-Bahn, Tram, Fahrrad- und Fußverkehr zu einem nahtlosen Mobilitätssystem zusammenwachsen.
Entscheidend ist: Wir entwickeln nichts für wenige Veranstaltungswochen. Olympia ist nicht das Ziel, sondern der Beschleuniger. Was für die Spiele aufgebaut und erprobt wird, soll am Montag nach der Abschlussfeier selbstverständlich weiter genutzt werden.
4. Welchen konkreten Nutzen hätten die Menschen?
Unser Ziel lässt sich in einem Satz zusammenfassen: besserer öffentlicher Verkehr für alle – häufiger, flexibler, barrierefreier und an mehr Orten verfügbar. Eine ältere Person im Münchner Umland könnte künftig per App oder Telefon ein autonomes Shuttle bestellen, das sie zur passenden S-Bahn bringt. Eine Pflegekraft käme auch frühmorgens zuverlässig zur Arbeit. Jugendliche auf dem Land wären weniger vom Auto ihrer Eltern abhängig. Und für Menschen mit Behinderung könnten lückenlose, barrierefreie Reiseketten entstehen.
Autonome Mobilität macht für diese Menschen einen konkreten Unterschied – nicht, weil kein*e Fahrer*in mehr vorne sitzt, sondern weil Angebote möglich werden, die heute gar nicht oder nur mit sehr hohem Aufwand bereitgestellt werden können.
5. Warum kann gerade die Münchner Olympiabewerbung das Projekt entscheidend voranbringen? Warum ist München besonders geeignet dafür?
München beginnt nicht bei einem Konzept auf dem Papier. Hier wird bereits heute daran gearbeitet, autonome Mobilität in den Regelbetrieb zu bringen. Mit MCube unter Leitung der Technischen Universität München besteht Deutschlands größter Mobilitätscluster, in dem Wissenschaft, Stadt, Verkehrsunternehmen, Industrie, Start-ups und Gesellschaft gemeinsam neue Lösungen entwickeln und erproben.
Mit dem Deutschen Zentrum Mobilität der Zukunft (DZM München) werden darüber hinaus im Auftrag und mit Unterstützung der Bundesregierung autonome Mobilitätslösungen für ganz Deutschland entwickelt. Dabei geht es nicht nur um Fahrzeuge, sondern um das gesamte System: Leitstellen, digitale Infrastruktur, Genehmigungen, Sicherheit und tragfähige Betriebsmodelle.
München verbindet damit exzellente Forschung, eine starke Automobil- und Technologiebranche, innovative Unternehmen, leistungsfähige Verkehrsunternehmen und eine Stadt, die zum Real-Labor wird. Die Olympischen und Paralympischen Spiele könnten diesem bestehenden Ökosystem den entscheidenden zusätzlichen Schub geben – und autonome Mobilität nicht auf einer Teststrecke, sondern im Alltag sichtbar und erlebbar machen.
6. Wie können andere Städte in Deutschland und Europa oder auch zukünftige Austragungsorte davon profitieren?
Das wichtigste Prinzip lautet: Nicht jede Stadt muss dieselben Fragen noch einmal von vorne beantworten. München arbeitet deshalb bereits heute mit anderen Städten und Regionen wie Hamburg und Berlin daran, autonome Mobilität vom Pilotprojekt in den Regelbetrieb zu bringen. Wenn in München erprobt wird, wie autonome Busse sicher in bestehende Linien integriert werden, wie Genehmigungen funktionieren oder welche Leitstellen und Sicherheitskonzepte benötigt werden, sollen andere Städte und Landkreise auf diese Erfahrungen zurückgreifen können. Ziel ist ein praxistauglicher Werkzeugkasten mit gemeinsamen Standards, Betriebsmodellen und technischen Lösungen.
So können aus einer Modellregion in München übertragbare Blaupausen für ganz Deutschland entstehen – und perspektivisch auch für andere europäische Städte oder zukünftige Austragungsorte Olympischer und Paralympischer Spiele.
7. Wenn wir in 20 Jahren - 2046 - auf die Spiele zurückblicken: Woran würden Sie erkennen, dass das Projekt erfolgreich war?
Vielleicht daran, dass meine Kinder dann gar nicht mehr verstehen, warum wir heute so intensiv über die „richtige“ Mobilität diskutieren: Auto oder Bus, Fahrrad oder Tram, S-Bahn oder Taxi? 2046 könnte diese Frage weitgehend verschwunden sein. Man fährt mit dem Fahrrad zur U-Bahn, steigt am Stadtrand in ein autonomes Shuttle und geht die letzten Meter zu Fuß. Auf dem Rückweg sieht die beste Verbindung vielleicht anders aus – aber darüber muss man sich keine Gedanken machen, weil alle Angebote unkompliziert ineinandergreifen. Autonome Mobilität ist dabei ein wichtiger Baustein, weil sie die Lücken zwischen den bestehenden Verkehrsmitteln schließt.
Erfolgreich wäre das Projekt, wenn autonome Busse und Shuttles dann nicht nur in München, Hamburg oder Berlin, sondern ebenso selbstverständlich in kleineren Städten und ländlichen Regionen unterwegs wären. Nicht, weil während der Spiele einige spektakuläre autonome Fahrzeuge durch München gefahren sind, sondern weil wir Olympia genutzt haben, um aus einzelnen Technologien ein funktionierendes Mobilitätssystem zu machen – und aus einem Münchner Schaufenster eine Blaupause für Deutschland und Europa.