2 Dozenten auf der Bühne

Interview

„Wir möchten Gastgeber einer gemeinsamen, langfristigen Entwicklung sein!“

Doppel-Interview mit Professor Karsten Köhler, TU München und Volker Herrmann, Leiter des OIympiastützpunktes Bayern (OSP) zum Ökosystem für Leistung, Gesundheit und Entwicklung in München.

Herr Prof. Köhler, Herr Herrmann: Warum sprechen Sie von einem Ökosystem hier in München? Was ist das Besondere hier vor Ort?

Köhler: Hier in München trifft wissenschaftliche Exzellenz auf sportliche Exzellenz. Und das Ganze in einem einzigartigen Umfeld aus Innovation und Technologie. Wichtig ist hierbei neben der räumlichen Nähe im Olympiapark – der OSP Bayern und unser Campus sind weniger als 500 Meter Luftlinie voneinander entfernt – vor allem auch die inhaltliche Nähe: Wissenschaft und Praxis arbeiten auf Augenhöhe und tragen gemeinsam Verantwortung für ein Ziel. Das ist alles täglich gelebte Realität.

Wann und wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen OSP und TUM?

Herrmann: Die Zusammenarbeit zwischen dem Olympiastützpunkt Bayern und der TUM besteht bereits seit vielen Jahren – insbesondere in den Bereichen Sportmedizin, Trainingswissenschaft und Biomechanik. Mit meinem Einstieg am OSP Anfang 2021 war es mir ein wichtiges Anliegen, diese Kooperationen strategisch weiterzuentwickeln. In diesem Zusammenhang haben wir auch die Sporternährung in unser Portfolio aufgenommen. Ich bin überzeugt, dass Spitzenleistungen nur dann dauerhaft möglich sind, wenn Wissenschaft und Praxis eng zusammenarbeiten. Gerade der Leistungssport lebt von Innovation und der kontinuierlichen Weiterentwicklung bestehender Ansätze. Schon in den ersten Gesprächen wurde schnell deutlich, dass wir mit der TUM einen Partner gefunden haben, der diese Überzeugung teilt.


Köhler: Das kann ich nur nochmal unterstreichen: Bereits in den ersten Gesprächen haben wir sofort gemerkt, dass wir hier sehr ähnlich denken und dass uns ein gemeinsames Ziel verbindet: top-aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse ohne Umwege in die Leistungssportpraxis zu integrieren. So wurde aus einer anfänglichen Vision eine Kooperation zwischen TUM und OSP, die zumindest im Bereich der Sporternährung in Deutschland einzigartig ist.

Wie profitiert der Olympiastützpunkt Bayern von dem Zusammenspiel aus Wissenschaft und Praxis?

Herrmann: Für uns ist Wissenschaft kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, um die tägliche Arbeit mit Athlet*innen und Trainer*innen kontinuierlich zu verbessern. Durch die enge Zusammenarbeit mit der TUM können wir wissenschaftliche Erkenntnisse deutlich schneller in die Betreuung der Athlet*innen integrieren und gleichzeitig Fragestellungen aus der Praxis unmittelbar zurück in die Forschung geben. Dieser kontinuierliche Austausch schafft einen spürbaren Mehrwert – nicht nur für einzelne Projekte, sondern für die langfristige Weiterentwicklung des gesamten Leistungssports.

Welche beispielhaften gemeinsamen Projekte gibt es?

Köhler: In der Sporternährung arbeiten wir gemeinsam seit vielen Jahren an personalisierten Lösungen für die Frage, wie wir durch Ernährung die Leistungsfähigkeit, Regeneration und Gesundheit von Leistungssportler*innen optimieren können.

Herrmann: Wir entwickeln interdisziplinäre Lösungen, um Prävention, Rehabilitation und Leistungsentwicklung kontinuierlich zu verbessern. Besonders im Fokus steht dabei die zunehmende Individualisierung im Leistungssport, unter anderem auch im Hinblick auf geschlechtsspezifische Anpassungs- und Regenerationsprozesse.

Welche Entwicklungsmöglichkeiten sehen sie für den Sport auf dem Weg zu Olympia 20XX?

Herrmann: Olympische Spiele sollten niemals Selbstzweck sein. Sie müssen als Motor für nachhaltige Entwicklungen fungieren. Dabei geht es aus meiner Sicht primär um drei Ebenen: die sportliche Entwicklung, indem wir Wissenschaft, Medizin, Technologie und Trainingspraxis noch enger miteinander verzahnen; die organisatorische Entwicklung, indem wir Vereine, Verbände und Leistungszentren stärken und ihre Zusammenarbeit weiterentwickeln; und die gesellschaftliche Entwicklung, indem wir Begeisterung für Sport schaffen und Menschen zu mehr Bewegung motivieren.

Welcher Nutzen ergibt sich für die sportliche Entwicklung?

Herrmann: Internationale Spitzenleistungen entstehen nicht durch einzelne Maßnahmen, sondern durch das perfekte Zusammenspiel vieler Faktoren rund um das Trainer*innen-Athlet*innen-Gespann. Wenn Training, Medizin, Sportwissenschaft, Technologie und Betreuung optimal verzahnt sind, verbessern wir Trainingsqualität, erhöhen die Trainingsverfügbarkeit und schaffen die Voraussetzungen dafür, dass sich sportliches Potenzial langfristig entfalten kann. Genau diesen ganzheitlichen, interdisziplinären Ansatz gilt es gemeinsam zu verfolgen.

Warum braucht es auch eine Entwicklung auf der organisatorischen Ebene?

Herrmann: Leistung entsteht nicht zufällig. Hinter sportlichem Erfolg stehen leistungsfähige Organisationen, klare Verantwortlichkeiten und funktionierende Netzwerke. Deshalb ist es wichtig, nicht nur Athlet*innen zu entwickeln, sondern auch Trainer*innen und Übungsleiter*innen. Ebenso Betreuungsstrukturen sowie die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Schulen, Vereinen und Verbänden. Gleichzeitig dürfen wir Breiten- und Leistungssport nicht getrennt voneinander betrachten – sie bedingen sich gegenseitig. Der Leistungssport ist auf starke Vereine sowie eine breite Basis angewiesen, aus der Talente hervorgehen. Umgekehrt werden erfolgreiche Spitzensportler*innen Vorbilder, begeistern Menschen für Bewegung und stärken den Vereinssport. Ein entscheidender Baustein ist zudem der Schulsport. Hier müssen wir in Deutschland wieder deutlich mehr investieren. Schule ist der Ort, an dem nahezu jedes Kind erreicht werden kann, Bewegungskompetenz entsteht und Talente erstmals entdeckt werden.

Die TUM war erst vor kurzem im Universitätsranking wieder die beste Hochschule innerhalb der EU – wie wird das in der Sportwissenschaft sichtbar?

Köhler: Die TUM ist ein sehr attraktiver Standort, sowohl für unsere Studierenden, aber auch für diejenigen, die hier forschen und lehren. Innovation entsteht dort, wo die besten Köpfe zusammenkommen und sich untereinander inspirieren. Die Sportwissenschaft an der TUM profitiert maßgeblich von der extrem guten Anbindung an andere Disziplinen, ob das die Medizin innerhalb der TUM School of Medicine and Health ist, die Ingenieurswissenschaften sind oder auch die naturwissenschaftlichen Grundlagenfächer. Dazu kommt unser neuer Campus im Olympiapark, Europas modernster Sportcampus und gleichzeitig Heimat des zentralen Hochschulsports. Hier treffen sich Studierende aller Fachgebiete, um gemeinsam Sport zu treiben.

Wie kommt die Spitzenforschung zu den Athlet*innen und Verbänden?

Köhler: Für unsere Zusammenarbeit mit dem Leistungssport ist entscheidend, dass sie auf Augenhöhe passiert und dass jede Seite ihre eigene Expertise einbringt – das gilt genauso für die Wissenschaftler*innen wie auch für Athleten*innen, Trainer*innen und Betreuer*innen. Wir Wissenschaftler*innen können die besten Ideen haben – uns hilft es nichts, wenn sie nicht praktisch umsetzbar sind.

Wie sieht ihre Vision für die Zukunft aus? Was sind die nächsten Schritte?

Köhler: Bereits jetzt haben wir hier in München ein im deutschen Spitzensport einzigartiges Ökosystem, welches für den nächsten Schritt bereit ist. Beispielsweise ließe sich durch eine systematische Zusammenführung von bereits existierenden Daten noch viel mehr Wissen und Erfahrung generieren. Mit der Gründung eines Munich Performance & Innovation Hub, das für alle olympischen und auch nicht-olympischen Sportverbände zugänglich ist, möchten wir München als Europas führenden Sportstandort in den Bereichen Technologie & Innovation, Prävention & Gesundheit und Bildung & Entwicklung etablieren. Und schließlich möchten wir nicht nur Gastgeber eines Großereignisses sein.

Herrmann: Genau! Wir möchten Gastgeber einer gemeinsamen, langfristigen Entwicklung sein! Unsere Vision ist ein international führendes High-Performance-Ökosystem, in dem Athlet*innen und Trainer*innen optimale Bedingungen vorfinden und Wissenschaft, Medizin, Technologie und Praxis selbstverständlich zusammenarbeiten. Dabei verstehen wir den eben genannten Munich Performance & Innovation Hub ausdrücklich nicht als geschlossenes System des Spitzensports. Vielmehr wollen wir aus den gewonnenen Erkenntnissen auch Impulse für den Breiten- und Gesundheitssport für alle Verbände und in ganz Deutschland ableiten. Gleichzeitig profitieren wir von den vielfältigen Perspektiven und Kompetenzen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Bildung. Eine Olympiabewerbung könnte dabei ein wichtiger Katalysator sein. Entscheidend ist jedoch, dass wir Strukturen schaffen, die weit über die Spiele hinaus Bestand haben und den Sport in Deutschland nachhaltig stärken.